Ein gutes dreiviertel Jahr ist es her, dass ich meinen bayerischen Schafkopf-Spezis und Bergsteigerfreunden bei Radi, Brezn und einer zünftigen Halben den Entschluss verkündet habe, von Augsburg nach Stuttgart rüberzumachen.

„Ja Himmisakra, Bierdimpfibazi, Deifi do scheichst di!“ maulten die Damen im Chor und unser weiß-blauer Himmel verfinsterte sich für einen Moment.

Postwendend bekam ich folgenden Witz zu hören:

„Ein Preuße, ein Bayer und ein Schwabe sitzen beisammen und trinken Bier. Da fliegt eine Fliege in das Bier des Preußen. Der Preuße verzieht sein Gesicht und schüttet das ganze Bier weg. Als nächstes fliegt eine Fliege in das Bier des Bayern. Der trinkt einen Schluck mit Fliege, spuckt sie aus und trinkt sein Bier weiter, ohne mit der Wimper zu zucken. Schließlich landet eine dritte Fliege im Bier des Schwaben. Dieser fasst die Fliege vorsichtig an den Flügelchen, fischt die sie aus dem Bier und faucht sie an: ‚Na los du Halbseggl, spucks wieder aus!‘“

Damit war also der vorurteilsschwere Erwartungshorizont skizziert, mit dem ich argwöhnisch meiner Zukunft in Stuttgart entgegenblickte.

Wenig später, bei meinem ersten Besuch in der Schwabenmetropole, war dann gerade Wasen. So schlimm wird es nicht werden, beruhigte ich mich: Hier fahren die Mitbürgerinnen und Mitbürger in Dirndl und Lederhosen U-Bahn. Ganz wia Dahoam. Außerdem liegt Augsburg weder in Oberbayern noch in Niederbayern sondern in Bayrisch-Schwaben… so unüberwindlich groß kann die Kluft ja gar nicht sein. Aber, Sie ahnen es: falsch gedacht. Und einige Monate nach meinem Abschied von Augsburg ist die unvermeidliche, die unumgängliche, die obligatorische, die zum guten Ton gehörende, die für jeden Neu-Stuttgarter – der guten Sitten wegen – verpflichtende Stuttgart-Bashing-Runde so langsam überfällig.

Na oiso! Samma´s:

Die Kehrwoche! Der Dialekt! Die Maultäschle! Die kafkaesken Betonwüsten! Die Häuslebauer! Die Sparsamkeit! Der Smog im Kessel! Die Wohnungsnot! Die schwäbische Alb: Früh übt sich, was ein ausgewachsener Berg werden will…!

Nachdem die gnadenlosen Klassiker unter den Stuttgart-Ressentiments damit eiskalt abgehakt wären, wenden wir uns sogleich – und mit einer Prise Feingefühl – meinen ganz privaten Erfahrungen zu:

Ich (im Büro, auf Provokation aus) verkünde zu Mittag lautstark „An Guadn!“ – woraufhin mir meine Kollegin Michi strahlend und in makelloser hannoveranischer Hochlautung „einen guten Appetit“ wünscht. Wie ich bald zu meiner großen Freude entdecke, haben wir einen weiteren Exilaugsburger im Team. Hannes, der wissend nickt, wenn ich „Riegele“ sage. Aufatmen: Ich bin nicht allein. Und von Knausrigkeit keine Spur. Schokoladen-Sharing steht bei der PresseCompany auf der Tagesordnung.

Aber dann verabredet sich die Agentur zum gemeinsamen Frühjahrs-Wasen-Besuch. Beim Vorglühen im Büro ein paar Zwiefache und Gschtanzl anstimmen? Keine Chance. In Dirndl beziehungsweise Lederhosen erscheinen nur Katrin, unsere Eventmanagerin aus dem Rheinland, Chef Rainer und ich. Meine alteingesessenen Kollegen klären mich auf: Der Württemberger, der „echte“ Württemberger wohlgemerkt, beäugt misstrauisch die Bajuwarisierung des Wasens und ist der Lederhosen und Dirndl-Mode gegenüber kritisch eingestellt. „Mhm…“ denke ich halblaut und nippe verstohlen an meinem Trollinger.

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Im Bierzelt angekommen treiben mich gleich mehrere Frage um: Was zum Geier haben die Maultäschle neben dem Brathendl auf der Karte zu suchen? Und seit wann heißt die Brezn Brezel? Besteht ein irgendein Zusammenhang zwischen Gewandung und Feierlaune? Immerhin: die Band singt im besten Allgäuerisch und das Publikum tanzt auf den Tischen.

Trotzdem, ich werde langsam sauer:

Sobald man auf der Landstraße die Grenze von Bayern nach Baden-Württemberg überquert hat, gibt es in jedem Dorf mindestens zwei hinterrücks installierte Blitzer. Was bitteschön, ist Gottlieb Daimler gegen Jakob Fugger? Nichts als ein leise verpuffender Puuups in der Wirtschaftsgeschichte! Bildet sich dieser Killesberg allen Ernstes ein, gegen die Fuggerei anstinken zu können? Was sind das Äffle und das Pferdle gegen Jim Knopf und das Urmel aus dem Eis? Und warum bekommt ihr Stuttgarter es nicht hin, ein vernünftiges Sauerteigbrot zu backen? Mit einer dicken, würzigen Kruste und innen nicht labbrig? Ist das denn so schwer? Werde ich für den Rest meines Lebens durch die ganze Stadt rennen, um in der Hofpfisterei-Dependance Brot zu kaufen, das von München in aller Herrgottsfrüh herangekarrt wird? Des is doch deppert! Und wieso kennt hier keiner den Fredl Fesl, Koflgschroa, Gerhard Polt und die Biermösl Blosn?

Allerdings:

Die Blaskapellendichte in der Region Stuttgart ist mit der des Bayerischen Oberlands voll auf Augenhöhe und wer morgens um sieben Uhr durch den Schlossgarten läuft, trifft dort auf Grüppchen von Senioren mit Kriegsbemalung, die Parolen für oder gegen Stuttgart 21 skandieren. Yay! Der Rock n` Roll lebt! PresseCompany-Redakteurin Julia geht am Wochenende zum La Brass Banda Konzert (Sauber sog i. Es besteht Hoffnung). Stuttgart ist zugleich Vorreiter in Sachen Nostalgie und Emanzipation: Im Mineralbad Berg – inzwischen bin ich eine glühende Verehrerin der original schwäbischen Retro-Badekultur – gibt es einen aus einem Kilometer Umkreis frei einsehbaren FKK-Sonnenbalkon nur für Frauen. Die Männer haben keinen. Auf diesem illustren Balkon tummeln sich die „Bergianerinnen“ zwischen 18 und 98 Jahren und machen Politik. Anschließend wird ernst gebadet. In Stuttgart gibt es eine Mops-Statue und die einzige freilebende Gelbkopfamazonen-Population außerhalb Amerikas. Dinkelacker, Wulle und Stuttgarter Hofbräu finde ich gar nicht schlecht und es ist schon vorgekommen, dass ich am Wochenende mit knurrendem Magen auf der vergeblichen Suche nach frischen Maultäschle durch Augsburg gestromert bin. Vor unserer Stuttgarter Wohnung wurde ein Tatort gedreht. Wie cool ist das denn?

Jetzt aber Obacht! Es wird kompliziert, denn ich gebe zu: Eigentlich bin ich gar keine „echte“ Augsburgerin. Ich bin in Würzburg geboren. Würzburg liegt in Franken und Franken gehört bekanntlich nicht so richtig zu Bayern. Und um das Dilemma auf die Spitze zu treiben, rücke ich zähneknirschend mit der ganzen Wahrheit heraus: Ich bin nicht einmal eine „echte“ Fränkin. Die Hälfte meiner Familie kommt nämlich spätestens seit dem 30-jährigen Krieg aus einem Kaff bei Schwäbisch Gmünd. Gefühlt schon seit dem Paläolithikum, aber das ist nicht sicher belegt. Die Schweden oder die Häscher der protestantischen Union (oder wer auch immer) haben seinerzeit alle Dokumente verbrannt. Meine Mutter hat es als einzige aus diesem Clan geschafft, sich aus dem schwäbischen Hoheitsgebiet und dem Dunstkreis von Linsen und Spätzle nach Würzburg abzusetzen. Und schon nach einer halben Generation bin ich – meinen schwäbelnden Wurzeln völlig entfremdet – wieder da.

Heiligs Blechle!

Und so schließe ich mit den versöhnlichen Worten: Schduggi, i mog di! (Echt jetzt!) Lang lebe die Flädlesuppe!

Aber das lasse ich mir nicht nehmen:

Für den Gang zum Herbst-Wasen rufe ich offiziell zu Dirndl, Lederhosen und der Einstudierung mindestens eines seriösen Trinklieds auf!